1974 lief der erste VW Golf vom Band und er war für den damals angeschlagenen VW-Konzern so etwas wie der Wendepunkt. Vom italienischen Designer Giorgio Giugiaro designt, mit dem damals neuen Konzept eines quer eingebauten Motors und Frontantrieb ging VW völlig neue Wege – weg vom Heckmotor, weg von der Luftkühlung, hin zu einem modernen Fahrzeugkonzept, dass sich in dieser Klasse weltweit durchgesetzt hat. Außer bei BMW, die bauen immer noch Kompaktwagen mit Heckantrieb – auch erfolgreich – aber auch die Münchner planen in naher Zukunft einen Wechsel, der Mini ist hier wohl technischer Wegbereiter.
Der VW Golf – Erfolgsgeschichte von VW
Mit dem Golf I fing alles an – heute läuft der Golf VI vom Band. Dazwischen liegen mittlerweile gut 35 Jahre Entwicklung und dennoch ist der heutige Golf sofort als solcher zu erkennen. Und selbst der Golf I sieht auch heute noch durchaus moderner aus als viele andere Fahrzeuge seines Alters. Die Entwicklung des Golfes ist aber nicht nur eine technische, sondern manifestiert auch deutlich die Entwicklung der Autos generell in den letzten knapp 30 Jahren.
Der VW Golf – immer größer, schwerer, besser.
Der Golf war noch 3,70 m lang und wog je nach Motorisierung zwischen etwa 750 und 800kg. Bei einer Motorenleistung von 50 bis 70 PS – ganz zu schweigen von den 110 PS des Golf GTI – war man schon gut motorisiert. Die aktuelle Version des Golfs wiegt mindestens 1.250 kg und ist 4,20 Meter lang. Mithin um 500 kg und einen halben Meter gewachsen.
Was früher der Golf war, ist heute noch nicht mal der VW Polo. Der VW Golf hat die allgemeine Entwicklung des „immer größer, immer schwerer“ nicht nur mitgemacht, er hat sie als Klassenprimus auch mitgeprägt. Vollgepackt mit technischen Gimmicks, mit Sicherheitsfeatures und Komfortmerkmalen erfüllt er heute alle Anforderungen an ein modernes Fahrzeug. Und wer heute von einem Golf VI in einen Golf I umsteigt, der kommt sich vor, wie wenn er in einer nackten Blechwanne sitzen würde. Die Verarbeitungsqualität wurde immer besser, die Rostvorsorge – lassen wir mal das unselige Kapitel Golf IV diesbezüglich auf der Seite – ist nahezu optimal. Der Golf, das perfekte Auto?
Warum gewinnt der Golf fast alle Vergleichstests?
Mit schöner Regelmäßigkeit gewinnt der Golf Vergleichstests in der Fachpresse – gegen Konkurrenten wie den Opel Astra, den Ford Focus, den Peugeot 308 etc. Und mit genauso schöner Regelmäßigkeit wird in Leserbriefen dieses Ergebnis in Frage gestellt. Allerdings stellt sich mir die Frage: Warum gewinnt der Golf? Dabei lasse ich mal die rein technischen Werte wie Beschleunigung von 0 auf 100 km/h, die μ-Split-Bremsmessungen etc. außen vor. Erstens weil diese Werte nur mit aufwändigen Messgeräten ermittelt werden können, vor allem aber weil sie für den Erfolg eines Fahrzeuges wohl nahezu unerheblich sind.
Wie wirkt der VW Golf von außen?
Ein Gang um den VW Golf weckt Erinnerungen: auch wenn die Designer immer wieder Hand angelegt haben, immer wieder optimiert und verbessert haben – irgendwie sieht ein Golf immer aus wie ein Golf. Gefallen? Na ja, irgendwie schon. An diesem Auto ist nichts falsch, alles richtig gemacht – so richtig wie – nun ja, wie ein Bratpfanne. Sieht immer anders aus, ist immer sofort als solche erkennbar. Alles ist perfekt eingepasst, man sieht keine unsauberen Spaltmasse.
Wenn deutsche Wertarbeit ein Synonym brauchen würde, wäre es „Golf“. Wenn „deutscher Humor“ ein Synonym haben würde auch: die Perfektion des Golf gleicht einem guten Witz, den man zum 6. Mal hört. Er bleibt gut, aber man kennt die Pointe schon und mag nicht mehr richtig lachen, höchstens noch wissend schmunzeln. Das Design des Golf VI polarisiert nicht mal, es ist einfach da. Der Prototyp des Kompaktwagens. Aufpeppen kann man den Golf lediglich mit Extras oder Farben – aber zum Thema Optionen und Aufpreispolitik später.
Der Innenraum des VW Golf
Sitzt man auf dem Fahrersitz, stellt sich das gleiche Gefühl ein: Alles bekannt, alles am richtigen Ort – alles fühlt sich gut an. An der Verarbeitungsqualität gibt es schlicht nichts zu mäkeln – mancher Oberklasselimousine würde die Verarbeitungsqualität des Golf VI gut anstehen. An diesem Innenraum haben zuerst mal Ergonomen gearbeitet und die Designer haben dann versucht, das Richtige auch noch hübsch hinzubekommen. Die Ergonomen haben besser gearbeitet. Man kann dem Golf nichts vorwerfen – außer dass vor lauter Perfektion das verloren gegangen ist, was viele heute suchen: Etwas Individualität, ein paar Besonderheiten. Hier mal ein High-Light oder da mal etwas Überraschendes. Fehlanzeige. Aus Sicht der Verkehrssicherheit ist das wohl alles perfekt und state-of-the-art. Man kann zwar den Golf-Innenraum etwas aufpeppen – aber wie gesagt, zum Thema Optionen und Aufpreispolitik später.
Wie fährt sich der VW Golf
Man könnte es kurz machen: so wie er aussieht. Unspektakulär, narrensicher, komfortabel, ziemlich ruhig, sehr bequem. Viel Platz vorne, ausreichend hinten. Ein Kofferraum, der den Namen verdient. Die Karosserie ist unübersichtlicher als bei den alten Modellen, aber immer noch besser als bei den meisten Konkurrenten. Die breite C-Säule schränkt den Blick nach schräg hinten etwas stark ein, sonst gibt’s auch hier nichts zu meckern.
Diesel oder Benziner ist letzten Endes Geschmackssache, der 2.0 TDI mit 140 PS und 320 Nm hat mit den knapp 1.400 kg keine wirklichen Probleme. Ob das Auto jetzt tatsächlich in 9,3 Sekunden auf 100 beschleunigt oder ob es um ein paar Zehntelssekunden nach oben oder unten abweicht ist schlicht irrelevant. Sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Ebenso, ob er 207 km/h läuft oder 203 oder 210. Das 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe schaltet weich, so gut wie keine Unterbrechung der Beschleunigung ist spürbar und auf einer längeren und durchaus zügig gefahrenen Strecke von rund 350 km verbrauchte er im Schnitt 5,8 Liter Diesel. Das ist gut. Das finde ich sogar sehr gut.
Man sitzt gut im Golf – auch bei 1.90 Größe. Das rechte Knie stößt allerdings etwas gegen die Mittelkonsole. Die Pedalerie ist auch mit größeren Schuhen gut zu bedienen ohne Gefahr zu laufen, gleichzeitig auf Bremse und Gas zu treten.
Die Beschleunigung ist mehr als ausreichend, die Bremsen greifen gut und nicht zu giftig. Gut zu dosieren, der Bremspunkt ist klar definiert. Gehen wir mal davon aus, dass das nach der 10. Vollbremsung auch so ist. Ich hab´s nicht ausprobiert.
Der Golf liegt gut auf der Straße, federt angenehm. Langstreckentauglich sagt man dem, auch was die Geräuschentwicklung angeht. Noch vor wenigen Jahren reiste man nur in Autos der Oberklasse so leise. In Kurven untersteuert er sanft, ganz auf Fahrsicherheit getrimmt. Auch hier bleibt nur die Erkenntnis, dass der Golf im besten Sinne ein Allerweltsauto ist. Ein Auto für alle. Ein Volkswagen eben.
Wie wird der Golf individuell – Aufpreispolitik bei VW
Die Zeiten, in denen man bei deutschen Automobilherstellern das Gefühl hatte, sogar noch das Lenkrad als Zubehör erwerben zu müssen sind zum Glück vorbei. Hier haben die asiatischen Autohersteller Pionierarbeit geleistet. Auf den ersten Blick ist der Golf VI gut ausgestattet. Nehmen wir die Ausstattung „Comfortline“: Schaut man sich allerdings den Konfigurator auf der Homepage von VW an und stellt sich – ohne große Ansprüche – sein Auto zusammen, kommt man schon ins Staunen: Sie wollen kein weißes Auto? Kostet. Ihr Auto soll „Komfortsitze“ haben? (VW sollte sich einen Texter leisten – haben die Standardsitze keinen Komfort?) Kostet auch. Nebelscheinwerfer kosten extra, 4 Türen sowieso. Mit elektrischen Fensterhebern hinten sogar noch 200 Euro mehr. Ein iPhone-Anschluss schlägt mit 190 Euro zu Buche, den gibt’s aber natürlich nur mit einem Radiosystem. Kostet extra. Sie wollen ein Platz sparendes Reserverad? Kostet 49 Euro. Sie wollen deshalb doch ein normales Reserverad? Kostet 60 Euro. Sie wollen gar kein Reserverad? Kriegen Sie geschenkt.
Xenonlicht – mithin ein sicherheitsrelevantes Merkmal – kostet mehr als 1.300 Euro. Süß ist der Marderschutz für 190 Euro – ein paar Bürsten und ein Lochblech sollen den Viechern „das Eindringen in den Motorraum“ erschweren.
Aber es gibt auch Positives zu vermelden: Wenn Sie auf die Kennzeichnung der Motorisierung verzichten, dann müssen Sie dafür nicht extra bezahlen. Ach ja – und wenn Sie auf die serienmäßige Klimaanlage verzichten, dann verlangt VW für Ihren Verzicht kein zusätzliches Geld. So schafft man es, auf den Basispreis locker mal 3.000 Euro draufzupacken, ohne Navigation wohlgemerkt. Und auch nicht für Dinge, die aus dem Golf ein echtes Unikat und Luxusmobil machen.
So bleibt als Fazit: der VW Golf VI ist nahezu perfekt. Objektiverweise brauchen die wenigsten Menschen mehr Auto. Er ist vielleicht fast zu perfekt, es fehlt ihm die Individualität. Aber für einen Volkswagen ist das nicht das schlechteste Urteil.

