Kaum ein anderes Fahrzeug kann mit eine derart lange Tradition vorweisen, kaum eines ist so zu einer Ikone geworden wie der Porsche 911. Er ist der Prototyp eines Sportwagens, er ist ein Statement, es beruflich geschafft zu haben. Über den 911er sind unzählige Artikel geschrieben worden, zahllose Vergleichstests hat er absolviert und die meisten davon gewonnen. Der Porsche 911 hat es in seiner langjährigen Bauzeit zu einer Perfektion gebracht, die ihresgleichen sucht und er hat sich dabei das bewahrt, was vielen perfekten Produkten abgeht: Emotionalität.
Was macht einen Porsche 911 so begehrenswert?
Bei aller versuchten Neutralität: Wer Autos mag, kann sich der Faszination Porsche 911 nicht entziehen. Natürlich gibt es Ferraristi, anglophile Auto Begeisterte, die jederzeit einen Aston Martin einem Porsche vorziehen würden. Aber diese Menschen sind in der Minderheit. Der Porsche ist und bleibt der Blech gewordene Traum der meisten. Warum nur? Wegen der Form? Dem Sound? Der Leistung? Es ist wohl eine Mischung aus allem, gemischt mit dem Wissen, dass ein Porsche 911 immer aktuell bleiben wird. Zusätzlich kann als vorgeschobenes Kaufargument geltend gemacht werden, dass es wohl kaum ein wertbeständigeres Auto gibt.
Der erste Eindruck: der 911er ist schön
Ein erster Gang um den 911er der vor mir steht. Der Versuch, dem Auto möglichst neutral gegenüber zu treten. Erfolglos. Die Form, die Linienführung zieht einen unweigerlich in seinen Bann. Das Auto hat etwas, was heute selten geworden ist. Einen Wiedererkennungswert. Stil. Formen, die man glaubt, nicht mehr verbessern zu können – gut, auch Porsche Designer haben schon mal daneben gegriffen. Es sei nur an die Baureihe 996 mit seinen „Spiegeleier-Scheinwerfern“. Schön war das nicht, aber jetzt, in der aktuellen Version ist alles wieder gut. Verflixt – man kann sich der Ästhetik dieser Karosserie einfach nicht entziehen. Es klingt immer etwas peinlich, wenn Autos mit menschlichen Attributen versehen werden. Aber der 911 hat was Erotisches. Klein ist er, kleiner als er auf Bildern aussieht. Kompakt. Kräftig steht er da. Kein Bodybuilder – eher ein Zehnkämpfer im Brioni-Anzug. Man ahnt die Muskeln mehr als man sie sieht.
Der zweite Eindruck: innen ist der „Neunelfer“ eigen
Türe auf, und Platz nehmen. Die Sitze sehen mit Verlaub aus wie aus den 60er Jahren. Die integrierten Kopfstützen spotten auf den ersten Blick modernen Sicherheitsanforderungen. Adaptive Kopfstützen? Anti-Schleudertrauma-Mechanik? Fehlanzeige. Zierlich sehen sie aus, die Sitze und sind dennoch überraschend bequem. Man fühlt sich wohl. Ein erster Blick aufs Armaturenbrett. Der Drehzahlmesser liegt direkt im Blickfeld. Die fünf leicht verschachtelten Rundinstrumente sind gut ablesbar. Die Mittelkonsole weniger: Die zahllosen Knöpfe und Tasten erwecken nicht gerade den Eindruck perfekter Ergonomie. Nach kurzer Eingewöhnungszeit funktioniert es allerdings ganz gut, aber so richtig perfekt ist das nicht. Dass der Zündschlüssel links ist weiß man mittlerweile. Es ist eine dieser Eigenheiten des 911er, die wohl einfach dazugehören. Sinnvoll ist es nicht. Über das Design des Serienlenkrades kann man streiten – ich habe schon schönere gesehen. Aber es liegt sehr gut in der Hand.
Die Verarbeitung ist sehr gut. Darf man wohl auch erwarten. Zündschlüssel drehen.
Der dritte Eindruck: Der Porsche klingt und fährt gut
Der Motor des 911ers klingt überraschend dezent. Der Boxer im Heck ist grummelt vernehmlich aber gut gedämpft. Selbst in der Tiefgarage. Öffnet man allerdings das Fenster wird einem schnell klar, warum sich zahllose Leute auf der Straße nach dem Auto umdrehen. Es liegt nicht nur an der Optik, es liegt auch am Klang. Überraschend einfach lässt sich der Porsche im Stadtverkehr bewegen. Sicher auch ein Verdienst des Doppelkupplungsgetriebes, das bei Porsche PDK heißt. Er fährt sich gut. Die Lenkkräfte sind nicht zu hoch und die Übersichtlichkeit ist besser als erwartet. Man versteht, warum der Porsche als einer der wenigen Supersportwagen als uneingeschränkt Alltagstauglich bezeichnet wird. Es sei denn, ein größerer Einkauf steht an. Das Wort „Kofferraum“ ist fast größer als die Mulde zwischen den Vorderrädern. Also durch die Stadt gefahren und dann auf die Autobahn. Mal sehen.
Der vierte Eindruck: Boah – 911er fahren ist geil
Der Wagen macht einfach nur Spaß. Ich erspare Ihnen Messwerte aller Art. Die kann man in allen Tests und in den technischen Datenblättern nachlesen. Das Fahrgefühl zählt. Und das ist schon einzigartig. Der Motor klingt mit zunehmender Drehzahl aggressiver, und vor allem: er klingt von hinten. Alleine das ist ein Erlebnis. Ab 5.000 Touren wird er deutlich lauter, lässt ahnen, welche Kraft in ihm steckt. Die Straßenlage vermittelt ein sicheres Gefühl und die Beschleunigung auf freier Strecke ist ein Erlebnis. Verzögerungsfrei nimmt der 911er Gas an und wird einfach immer nur schneller. Ohne Leistungsloch dreht der Boxer hoch, der Klang wird lauter, metallischer. Die Beschleunigung hört einfach nicht auf. Es braucht noch nicht mal eine besonders lange freie Strecke um 260 km/h auf dem Tachometer zu sehen. Die Bremsen scheinen genau so perfekt. Und das Ganze geht so unaufgeregt von statten, dass man sich tatsächlich immer wieder freut und Überholmanöver genießt. Einmal aufs Gas und der Porsche 911 schießt förmlich voran. Schön. Vielleicht stammt das Image der Porsche-Fahrer auch von diesem Spaß. Man könnt auch langsamer überholen, weniger provokativ. Aber man will nicht.
Der letzte Eindruck: Der 911er ist teuer
Zurückfahren, den Schlüssel abgeben und einen letzten Blick auf den 911er. Schön ist er. Gut ist er. Schnell ist er. Perfekt ist er auch – würde schon Spaß machen, einen zu haben. Mir war schon klar, dass ein Porsche teuer ist. Mir war sogar klar, dass der 911 Carrera S mit knapp 100.000 Euro zu Buche schlägt. Aber ein Blick in die Preisliste verschlägt einem dann doch die Sprache. Gut, dass Navigationsgeräte und exklusive Ledersessel auch in der sechsstelligen Preisklasse Aufpreis kosten hat man sich schon gewöhnt. Aber dass Porsche gerade mal vier (!) Farben aufpreisfrei anbietet und eine Metallic-Lackierung gleich noch mal mehr als 1.000 Euro extra kostet lässt einen schon schlucken. Ein Tempostat kostet noch mal 440 Euro, und nehmen wir mal an, Sie möchten das Spiegeldreieck – das ist dieses kleine Plastikteil außen, zwischen A-Säule und Fenster, dort wo der Außenspiegel angemacht ist – nehmen wir also an, Sie fänden es schön, wenn dieses schwarze Plastikteil die gleiche Farbe hätte wie der restliche Wagen. Dann verrechnen Ihnen die Stuttgarter dafür mal eben 345 Euro. Um ein Stück Plastik zu lackieren. Also ich weiß nicht … Die Aufpreisliste ist irrwitzig und treibt den Preis mal locker noch mal um 20.000 Euro nach oben. Gut, wer sowieso schon bereit ist, 100.000 Euro für ein Auto auszugeben, den sollten auch weitere 20.000 nicht schrecken. Aber muss das sein? Müssen lackierte Lüftungsgitter im Innenraum 820 Euro kosten? Muss bei einem Porsche die Graukeilfrontscheibe extra berechnet werden?
Der Porsche 911 ist der perfekte Sportwagen
Trotz allem. Der Faszination 911er kann auch ich mich nicht entziehen. So bleibt am Schluss ein Eindruck: Der 911er ist unglaublich nahe an der Perfektion und hat trotzdem noch Eigenheiten, die ihn sympathisch machen. Und da er technisch schon so gut wie keine Macken mehr hat, haben sich die Stuttgarter wohl gedacht, die Leidensfähigkeit der Porsche-Liebhaber mittels Aufpreisliste auf die Probe stellen zu müssen. Die Marketingabteilung nennt das „Individualisierungsmöglichkeiten“.
Porsche 911 Carrera S
- 6-Zylinder Boxermotor
- 3.800 ccm
- 385 PS / 420 Nm bei 4.400 1/min
- Vmax: 300 km/h
- 0 – 100 km/h: 4,5 Sek. (mit PDK-Getriebe)
- ab 97.676 Euro
(Werksangaben)
Photocredit: Hersteller
